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Mit Wirecard, Klarna, Alipay, weChat Pay, Apple, Google, Bitcoin Cash ABC und intelligenten Konzepten in die Zukunft des neuen Bezahlwesens?

Deutschland ist international, im Vergleich zu Osteuropa, Skandinavien, Asien oder teils Afrika, immer noch ein ausgemachtes Bargeld-Mekka. Auch wenn sich die Digitalisierung des Bezahlwesens immer mehr ausprägt – Fahrkartenschalter am Bahnhof, Parkhaus- oder Getränke-Automaten, dummerweise oft auch Taxifahrer, die auf halber Strecke zum Flughafen die Frage stellen „Haben Sie Bargeld?“, stehen auf Kriegsfuß mit Karten, geschweige denn sind Bezahl-Apps akzeptiert. Allerdings:  Diese Liebe zum physischen Geld geht so langsam flöten. Denn im vergangenen Jahr, so das Handelsforschungsinstitut EHI, haben die Verbraucher an den Kassentheken des Einzelhandels zum ersten Mal öfter mit EC- oder Kreditkarte bezahlt als mit Bargeld.

Laut statistischer Erhebung wurden bargeldlos 209 Milliarden Euro Umsätze im Jahr 2018 über Karten erzielt, was 12,4 Milliarden Euro mehr bedeutet als im Vorjahr. Damit steigt der Umsatzanteil der Karten auf 48,6 Prozent. Da 3,1 Prozent der Einkäufe auf Rechnungen, Finanzkäufe und Gutscheine verteilt sind, entspricht der Barkauf nur noch 48,3 Prozent, in Summa 208 Milliarden Euro. Geht man allerdings ins Detail, so ist festzustellen, dass ca. 75 Prozent aller Einkäufe, meist unter 50 Euro, mit Scheinen und Münzen abgewickelt werden. Ein wichtiger Treiber des bargeldlosen Bezahlverkehrs ist die Umrüstung vieler großer Supermarkt-Ketten vom Lastschriftverfahren, bei dem eine Unterschrift zu leisten ist, zum Girocard-PIN-Verfahren, wo nur die PIN-Nummer angegeben werden muss. Aber der Trend ist weiterhin „Good Friend“ – wir stehen mitten in einem Paradigmenwechsel!

Treiber der Digitalisierung im Bezahlwesen sind Smartphones

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Laut einer Studie der Strategieberater von Oliver Wyman, die repräsentativ im Juli 2017 1.500 Menschen nach ihren Zahlungsgewohnheiten befragten, haben 15 Prozent angegeben bereits kontaktlos Rechnungen zu bezahlen. Anfang dieses Jahres sah das Ergebnis der wiederholten Umfrage schon ganz anders aus: Bereits 47 Prozent gaben an, kontaktlos zu bezahlen. Ermöglicht wird diese Art der Kontaktlos-Zahlungen durch die neue Generation von Smartphones und Karten. Der Kunde kann durch das bloße hinhalten der EC- oder Kreditkarte am Kassenterminal bezahlen. Das macht das Kartenlese-Gerät vielerorts obsolet! Vergleichbar funktioniert Mobile Payment mit der neuen Smartphone-Generation: Wie die Karten sind auch diese Kleinstcomputer mit NFC (Nahfeldkommunikationstechnologie) ausgestattet. Das beinhaltet eine Funkverbindung zwischen Lesegerät und Karte bzw. Handy. Dabei erfolgt die Abbuchung konventionell über das Girokonto. Große Filialketten wie Lidl oder Aldi digitalisieren aktuell unter Hochdruck auf diesem neuesten Stand der Technik. Auch diese Entwicklung zahlt mehr und mehr auf die Abkehr vom ansonsten beliebten Bargeld ein. Viele Banker und auch die Politik vertreten derzeit noch immer die Meinung, dass in Deutschland – entgegen der Entwicklung beispielsweise in China – Bargeld auch in Zukunft beliebt bleibt. Dies, so die Einschätzung der Experten, liegt an dem hierzulande ausgeprägtem Bewusstsein für Datenschutz und Anonymität.

Die neuen Fintech-Outperformer

Mobile Payment-Spezialisten investieren derzeit viel Geld in die Entwicklung und erste Umsetzung von innovativen Konzepten: So will Wirecard im Oktober ein ganzheitliches Bezahl- und Bankprodukt als App erfolgreich im Markt launchen. Über diese App soll der Nutzer in wenigen Minuten ein Konto eröffnen können: Um einerseits problemlos Geld überweisen zu können, andererseits aber auch kontaktlos mit dem Smart Device zu bezahlen.  Dies alles mit Echtzeitüberblick auf der App! Der potenzielle Kundennutzen umfasst neben Versicherungen auch ein Bonusprogramm. Es wird vermutet, dass möglicherweise Produkte, die mit der App bezahlt werden, gleich versichert sind. Wirecard gibt an, dass mit der neuen App SEPA-Überweisungen in Echtzeit umgesetzt werden können – unter paralleler Nutzung einer Debit-Mastercard als Flankierung der App.

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Geschäftspotenzial sieht Wirecard „in der weitergehenden Nutzung des Produktes durch Corporate-Partner als Dritte – bestehende und neue Geschäftspartner, die dann das White-Label-Produkt für ihre Communitys co-branden“, so Claudia Kaub, Head of Consumer Solutions. Das Münchner Unternehmen möchte mit dieser Strategie die europäischen Grenzen verlassen und perspektivisch global agieren. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Umsetzung dieser Prognosen auf den teils unerfreulichen Schlingerkurs an der Börse auswirkt.

Von wegen „alte Schweden“: Die Skandinavier dominieren Europa bei Mobile Payment

Das wertvollste europäische Fintech-Startup, das nicht an der Börse notiert ist, hat seinen Sitz in Schweden. Gründer Siemiatkowski hat den Banken den Kampf angesagt und prognostiziert ihnen eine problematische Zukunft. Seit zwei Jahren besitzt der „Finanzkonzern“ Klarna, der mit der Finanzierung von E-Commerce startete, eine Banklizenz, macht Umsätze mit Kreditvergaben und dem Vertrieb von Kreditkarten. 2.500 Mitarbeiter erwirtschaften unlängst mit 60 Millionen Kunden und 130.000 Onlinehändlern in 14 Ländern einen Umsatz von 510 Millionen Euro. Der angriffslustige Unternehmer, Kind von polnischen Einwanderern, hatte kürzlich gut 400 Millionen Euro von Investoren eingesammelt und will jetzt den US-Markt entern. Schweden ist Vorreiter bei der Digitalisierung: Die Studie „The Cashless Society“ von Prof. Niklas Arvidsson der Königlich Technischen Hochschule Stockholm bezeichnet 2030 als das Jahr, in dem bargeldlose Bezahlsysteme alles an Bargeld in Schweden ersetzen werden. Bereits heute nutzen ca. 75 Prozent den Bezahldienst Swish, der von vier schwedischen Großbanken entwickelt wurde.

Dominiert in der Zukunft der Bezahlverkehr von App zu App, von Wallet zu Wallet?

Glaubt man den chinesischen Payment-Diensten Alipay und weChat Pay, so vertrauen ihnen bereits 1,5 Milliarden Nutzer, Tendenz steigend! So gut wie alles lässt sich über das Smartphone einkaufen. Weltweit umfasste im Jahr 2016 der Wert an Zahlungen, die kontaktlos oder mobil getätigt wurden, einen Betrag von ca. 2.211 Milliarden US-D. 2022, so schätzt Statista, wird sich der Wert bei rund 13.980 Milliarden einpendeln.

Apple ist bekannt dafür, dass man immer zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Technologie setzt und diese dann für sich besetzt. Wer weiß eigentlich, dass Philips Mobile das Smartphone erfunden hat, das Go für einen 20 Millionen-Etat für die nächste Stufe in der Weiterentwicklung vom Vorstand aber nicht genehmigt wurde… Das war hinsichtlich des Budgets um die Jahrtausendwende deutlich weniger als das jährliche Sponsoring-Engagement der Holländer bei der damals neuen Champions-League und der Fußball-Weltmeisterschaft. Heute steht das Smartphone für Apple! Es bleibt abzuwarten, ob sich Apple Pay in Deutschland etablieren wird.

Und was machen die chinesischen Giganten Alipay und WeChat Pay? Diese erobern aktuell fast unerkannt die Märkte in Deutschland und Europa – aber nur bei den eigenen Landsleuten! Sollte sich die Einstellung der konservativen Deutschen gegenüber Mobile Payment irgendwann nachhaltig positiv verändern, wäre es ein „Klacks“, die entsprechenden Apps auf Deutsch umzurüsten.

Und was machen die Banken? Erst mal überlegen… Und dann steht unausweichlich die Entscheidung an, ob man mit großen Anstrengungen eigene Mobile Payment-Dienste entwickelt und in die bestehenden Banking-Apps integriert. Die Gefahr: Flop! Eine Alternative wäre, sich mit einem etablierten Anbieter „ins Bett zu legen“: Google und Payback warten nur darauf! Die Folgen wären für die deutschen Bankkunden nach aktuellen Maßstäben verheerend, denn die generierten Daten über Einkaufsgewohnheiten würden vom übermächtigen Partner genutzt und kapitalisiert werden, als verabredeter Bestandteil des Deals.

Trotz aller Vorbehalte hat das Thema Mobile Payment via Kryptowährungen gute Außenseiterchancen, sich erfolgreich entwickeln und langfristig durchsetzen zu können. Dieses unabhängige Bezahlsystem realisiert Zahlungsverkehr ohne die großen Kartenanbieter wie VISA oder MasterCard. Die hohe Volatilität dieser Währungen ist aktuell ein großes Problem. Das könnte aber mit einer Umrechnung der Währung in Echtzeit und der gleichzeitigen Konvertierung in Fiatgeld beim Handel gelöst werden. Diesen Ansatz verfolgt beispielsweise der Schweizer Online-Händler Digitec Galaxus: Sein Onlineshop erlaubt die Bezahlung mit Bitcoin, Bitcoin Cash ABC, Bitcoin Cash SV, Ethereum, Ripple, Binance Coin, Litecoin, TRON, NEO oder OmiseGo. Für die Zahlungsabwicklung sorgt das dänische Startup-Unternehmen Coinify. Es nimmt die Kryptozahlungen an und überweist konventionelles Geld an den Händler.

Was passiert mit Bitcoin, Facebook und wee?

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Mächtig gespannt sein darf man auch auf die geplanten Konzepte von Kryptowährungen mit angegliedertem Akzeptanzstellennetz. Was beim Bitcoin, dem Outperformer an der Börse, herausragend mit mächtigen Wertsteigerungen gelingt, scheitert immer noch am Point of Sale. Hier ist einiges zu erwarten von den Plänen Mark Zuckerbergs, der mit Facebook Libra eine globale Kryptowährung in den Markt drücken möchte, derzeit aber auf aggressive Gegenwehr der amerikanischen Aufsichtsbehörden und der Banken-Lobby stößt.

Auch was der amtierende Unternehmer des Jahres von München, Cengiz Ehliz, aktuell plant, macht neugierig: Das Mobile Payment- und Cashback-System wee, welches gerade europaweit eingeführt wird und den stationären Einzelhandel mit dem E-Commerce und digitalisierten Stadien innerhalb der Infrastruktur vernetzt, soll mit einem eigenen Blockchain-basierten Bezahlsystem ausgebaut und kapitalisiert werden. Vorteil für den Einzelhändler bei offizieller Nutzung der wee-Währung und dem Bezahlverkehr über die wee-Card oder wee-App: Durch das Einsparen von teuren Gebühren bei der Nutzung des klassischen Bezahlwesens mit Banken, können gleichermaßen die Margen verbessert werden wie mit der Zuführung von Umsätzen durch neue Kunden, die über das Loyalty-Programm innerhalb dieser Einkaufsgemeinschaft zu seinem Point of Sale navigiert werden.

Man darf gespannt sein, wie sich das Bezahlwesen der Zukunft darstellen wird. Fakt ist: Wenn die Banken nicht aufpassen und neue Wege gehen, werden sie relativ schnell mit bestehenden Geschäftsmodellen auf dem Abstellgleis stehen – lokal, regional, national, international.