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Experten sehen perspektivisch einen digitalen Euro als Flankierung von Bargeld.

EZB-Chefin Lagarde prüft die Chancen einer regulierten europäischen Kryptowährung

Mobile Payment fährt seit einigen Jahren mit Vollgas auf der Überholspur im Bereich Financial Services. Mit dem Siegeszug der Smartphones und der Diversifizierung des „Handys“ zum mobilen Computer explodiert das digitale Bezahlen. Die Wallet ersetzt und flankiert mehr und mehr die Geldbörse mit physischen Scheinen und Münzen. Im Jahre 2019, so die Europäische Zentralbank (EZB), wurden im Währungsraum der 19 EU-Staaten mit Mobile Payment 98 Milliarden Zahlungen im Gesamtwert von 162 Billionen Euro realisiert. Das entspricht einem Wachstum gegenüber dem Vorjahr von rund 8,1 %.

Mit Covid-19 und den entsprechenden Auswirkungen hat digitales Bezahlen einen zusätzlichen Turbo erhalten. Denn kontaktloses Bezahlen ist unter Infektionsaspekten erheblich sicherer als das unkontrollierbare Weitergeben von Scheinen und Münzen, die möglicherweise kontaminiert sind. Die Leitbank möchte den neuen Gigamarkt nicht verschlafen, sondern kräftig mitmischen: Christine Lagarde, Europas mächtigste Währungshüterin, lässt gerade die Machbarkeit eines digitalen Euros prüfen. Denn was die Amerikaner mit Facebook und dem Libra als digitaler Währung privatwirtschaftlich versuchen umzusetzen, möchten die Europäer reguliert auf institutionelle Beine stellen.

Es gab in jüngster Zeit viele Gerüchte um den Euro, von plausiblen Szenarien bis hin zu den Verschwörungstheorien der Corona-Leugner. Dass sich die Botschaft „America First“ von Ex-Präsident Donald Trump nicht mit einem starken Euro verträgt, klingt logisch. Die Ausprägung dieser möglichen Attacke dürfte mit seiner Abwahl erstmal ausbleiben. Andere, die davon überzeugt sind, die Pandemie wäre ein Vorwand, um die globale Wirtschaft zu schwächen, um darauffolgend unter der Regie von Bill Gates eine Finanzkrise zu inszenieren, müssen sich noch gedulden. Insbesondere mit dem Finale dieser Verschwörungstheorie: Dem Euro soll der Garaus gemacht werden, um eine neue Weltwährung aufzusetzen, die in eine neue Weltordnung mündet – natürlich gesteuert von den Rothschilds und deren Komplizen.

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Bargeld soll in der EU-Zone nicht abgeschafft werden, sondern den digitalen Euro flankieren.

Ob die EZB-Chefin diesen vermeintlichen Strömungen entgegenwirken will, wissen wir nicht. Wir kennen aber ihre Meinung und die Gründe für einen möglichen digitalen Euro. In einer kürzlich veröffentlichten Medieninformation der EZB wird deren Chefin mit sprichwörtlichem Klartext zitiert. Immer mehr Menschen in Europa bezahlen, sparen und investieren immer häufiger auf elektronischem Weg. So sei es die Aufgabe der EZB, das Vertrauen in die gemeinsame Währung zu sichern. „Deshalb“, so die 64-jährige Top-Bankerin, „müssen wir dafür sorgen, dass der Euro für das digitale Zeitalter gerüstet ist.“ Eher abwägend fährt sie fort: „Wir sollten darauf vorbereitet sein, einen digitalen Euro einzuführen, sollte dies erforderlich sein.“

Den digitalen Euro kann man sich als eine Art Bitcoin vorstellen. Im Gegensatz zu dieser führenden Kryptowährung wäre der Euro allerdings reguliert und unter der Aufsicht der EZB als europäischer Leitbank. Blockchain-basierte Währungen beruhen auf einem Ineinandergreifen von Datenblöcken, die jede Transaktion via Protokoll festhalten. Kritiker sehen in dieser Finanzmarkt-Strategie das Bestreben der Politik, die Bürger Europas länderübergreifend noch transparenter zu machen. Denn mit dem Versenden und Empfangen von digitalem Geld unter staatlicher Aufsicht sind Schwarzgeldzahlungen oder die Abgeltung von dubiosen Geschäften vollumfänglich nachvollziehbar. Neben dem Bargeld würde ein digitaler Euro gleichwertig positioniert werden.

Ziel der ESB ist es die fortschreitende Digitalisierung in allen Lebensbereichen mit digitalem Geld zu begleiten. Ein digitaler Euro, so die Zentralbanker, solle sicherstellen, dass Bürger der Eurozone Zugang haben zu einer einfachen, allgemein akzeptierten und sicheren Zahlungsart. Für die Verbraucher würden mit der neuen Währung erhebliche Vorteile entstehen: Denn der digitale Geldtransfer von Smartphone zu Smartphone mittels App würde Überweisungen beschleunigen und die hohen Gebühren der Banken minimieren.

Der wesentliche Grund für das Bestreben der EZB scheint aber zu sein, dass man die Wirksamkeit der eigenen Geldpolitik erhalten möchte. Immer mehr Kryptowährungen etablieren sich gerade als Alternativen zum konventionellen Bezahlsystem – ohne dass die Finanzpolitik Einfluss nehmen kann. Die Zeit drängt, denn neben dem Libra-Projekt von Facebook testet China bereits die digitale Variante seiner Währung Renminbi.

Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) findet die EZB-Aktivität grundsätzlich gut. Der digitale Euro sei „ein Zukunftsthema mit höchster Bedeutung für die Sicherheit und Stabilität der europäischen Finanzmärkte“, argumentiert Andreas Krautscheid, BdB-Hauptgeschäftsführer. Allerdings „müssten Banken eine zentrale Rolle spielen“. Diese Meinung ist verständlich, denn Mobile Payment in der nächsten Ausbaustufe braucht nicht unbedingt die etablierten Banken, die ohne notwendiges Veränderungsverhalten gerade dabei sind, ihr über hundert Jahre gewachsenes Geschäftsmodell zu verlieren.