Quellennachweis für redaktionelle Verwendung: Orlok / Shutterstock.com

Wer beherrscht zukünftig die Geldtransfers von Migranten in ihre Heimatländer?

Deutsche Entwicklungshilfe ist eng mit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verbunden, bei der sich die Weltgemeinschaft „einem Leben nach Würde“ für die Menschen verpflichtet hat. Gleichermaßen orientiert sich die Strategie am Pariser Klimaabkommen, mit dem Ziel, die Erderwärmung zu begrenzen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unter CSU-Minister Dr. Gerd Müller sieht sich hier im „Driving Seat“ der Entwicklungssteuerung. „Wenn Worten Taten folgen, dann geht Deutschland voran!“ Denn, so heißt es weiter: „Wir haben das Know-how und die Technologien, um den drängendsten Herausforderungen zu begegnen.“ Selbstbewusst macht der oberste deutsche Entwicklungshelfer klar: „Entwicklungspolitik des 21. Jahrhunderts ist kein Reparaturbetrieb, sondern innovative, globale Zukunftspolitik.“

Der Haushalt des Ministeriums hat sich von noch 6,4 Mrd. Euro im Jahre 2014 auf jetzt 10,2 Mrd. Euro für 2019 fast verdoppelt. Gut 5 Mrd. Euro entfallen dabei auf Projekte der bilateralen Zusammenarbeit. Der Fokus liegt u.a. auf Afrika mit den Ländern Elfenbeinküste, Ghana und Tunesien, die als Reformländer gelten, also Staaten, in denen die Bundesregierung wirtschaftliches Wachstum und Privatinvestitionen fördert. Damit sollen neue Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, Lebensqualität angehoben werden. Daneben gilt es mit dem Nahost-Projekt „Cash for Work“, Flüchtlingen im Nahen Osten Einkommensmöglichkeiten zu erschließen bzw. Rückkehrern die Reintegration zu vereinfachen. So wurden mit der Beschäftigungsoffensive 2016 und 2017 rund 140.000 Jobs vor Ort geschaffen, eine Million Flüchtlinge konnten mit Wasser und Strom versorgt werden. Mit deutscher Unterstützung entstand in Marokko das größte Solarkraftwerk der Welt. 1,3 Millionen Menschen beziehen hierüber Strom. Soviel zum formalen Teil der Entwicklungspolitik.

Verdopplung von Entwicklungshilfe durch Transfers der Migranten

Experten schätzen die „inoffizielle Entwicklungshilfe“ auf mindestens einen Betrag von 27 Mrd. Euro – was in etwa dem Etat des Verkehrs-/Infrastrukturministeriums entspricht. Zum Vergleich: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unter der medial weitgehend unbekannten CDU-Ministerin Anja Karliczek, verfügt über einen Haushalt von ca. 18 Mrd. Euro, das Verteidigungsministerium von Annegret Kramp-Karrenbauer über 43. Mrd. Euro.

Neben der offiziellen Entwicklungshilfe überwiesen Migranten im Jahr 2016 17,7 Mrd. Euro aus Deutschland nach Hause. Tendenz jährlich steigend und gegenüber 2006 gut 11 Mrd. höher. Damit gehört Deutschland weltweit zu den größten Ausgangsländern von privaten Geldtransfers. Noch größere Summen wurden nur aus den USA, Saudi-Arabien und der Schweiz überwiesen. Die Bundesregierung wertet den Geldtransfer als „entwicklungsfördernd“, weil das Geld direkt vor Ort bei den Menschen in den Entwicklungsländern ankommt. Allerdings verdient die globale Finanzbranche – vornehmlich Banken und Kreditkarteninstitute – bei den Geldtransfers kräftig mit. Buchungs-, Konto- und Transaktionsgebühren verschlingen teils on top zweistellige Prozentpunkte des für den Empfänger vorgesehenen Geldbetrags. Ziel der Bundesregierung ist es, diese Transaktionskosten bis 2030 auf weniger als drei Prozent zu senken.

Poltische Meinung ist kontrovers hinsichtlich Rücküberweisungen

Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik erachtet diese Rücküberweisungen als unverzichtbare Ergänzung der staatlichen Entwicklungshilfe. Denn die weitestgehend regelmäßigen Geldzahlungen von Migranten und Flüchtlingen würden die Existenz der Familien zu Hause sichern, vor kurzfristigen Wirtschaftseinbrüchen schützen. In armen Ländern wie Kirgistan, Liberia, Haiti und Nepal entsprechen diese Überweisungen einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

Die deutsche Innenpolitik wertet das kontrovers: Aus Sicht der AfD ist es nicht tolerierbar, wenn beispielsweise Empfänger von Sozialleistungen einen Teil des Geldes nach Hause schicken. Die Grünen argumentieren beim Thema Rücküberweisungen mit einem Beitrag zur Fluchtursachenbekämpfung. „Mit einer verbesserten Lebensperspektive in ihren Heimatländern werden die Menschen davon abgehalten, in Richtung Europa zu flüchten“, so Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher der Grünen.

Und wer profitiert in welchem Umfang vom Geldtransfer einer beispielhaften Summe von 150 Euro, die aus Deutschland nach Algerien versendet wird?

Quellennachweis für redaktionelle Verwendung: dennizn / Shutterstock.com

Überweist man von einem Konto der Postbank an eine Filiale der Western Union, wo der Empfänger die Summe bar ausbezahlt bekommt, bezahlt der Sender zusätzlich 24,35 Euro – für eine Wechselkursdifferenz und Transfergebühren. Das ist ein Aufschlag von gut 16 Prozent! Der Geldtransfer-Anbieter Ria verlangt einen Aufschlag von 28,81 Euro für die Barein- und Auszahlung in einer eigenen Filiale. Immerhin kann der Empfänger innerhalb einer Stunde nach Einzahlung das Geld vor Ort in Empfang nehmen. Überweist man online von einem Konto der Deutschen Bank auf ein Bankkonto in Algerien, so kann das bis zur Ankunft der 150 Euro durchaus sechs Tage dauern. Und: Die Deutschbanker lassen sich die Transaktionsgebühren 39,05 Euro kosten. Das sind zusätzlich satte 20 Prozent! Noch höher ist die Überweisung mittels Telefonbanking bei der Commerzbank: Sage und schreibe 58,50 Euro verlangen die Frankfurter Banker an Transaktionsgebühren – das entspricht einem Aufschlag von zusätzlich 29 Prozent gegenüber dem zu überweisenden Geldbetrag.

Mobile Payment und digitalen Währungen gehört die Zukunft

Erheblich effektiver erfolgt bei ständig wachsender Markterschließung der Geldtransfer via Smartphone mit Wallet-Apps. Die Zahlungsdienstleister Google Pay, Apple Pay und Wirecard mit dem Produkt „boon“ performen hier am erfolgversprechendsten. Voraussetzung bei allen drei Anbietern ist ein NFC- und HCE-fähiges, Mastercard-zertifiziertes Android-Smartphone. An Gebühren zahlt der Kunde bei Wirecard für das Produkt „boon Plus“ nach dreimonatiger kostenloser Nutzung dann 1,49 Euro pro Monat für das Bezahlen im Ausland. Bei den Bezahldiensten von Google und Apple richten sich die Gebühren nach den Verträgen beim Girokonto oder der Kreditkarte.

Aktuell bewerten verschiedene Vergleichsportale die unterschiedlichen Apps zum international Geld online versenden mit dem Smartphone.

  • Mit „azimo“ lässt sich Geld virtuell in gut 200 Länder verschicken, dabei switcht es sich einfach von einer Währung auf eine andere. Vier verschiedene Auszahlungsarten werden angeboten: Bargeldabholung, Banküberweisung, SWIFT-Zahlung und Handy-Aufladung. Die Gebühren unterscheiden sich hinsichtlich der Überweisungsart, sie sind aber gleichermaßen wie die Wechselkurse transparent auf der Website dargestellt. Die Vorteile: relativ geringe Gebühren, im Vergleich beispielsweise zum Wettbewerber Western Union, schnelle Bearbeitung und Ausführung, leichte Bedienbarkeit.
  • Mit „N26“ ist es möglich in 19 verschiedenen Währungen zu überweisen. Die Angebotspalette ist gegenüber „azimo“ breiter gefächert. Es steht ein Dispokredit von bis zu 2.000 Euro zur Verfügung, Geld lässt sich problemlos in 6.000 Geschäften ein- oder auszahlen, weitestgehend aber nur in Deutschland… Mit „MoneyBeam“ kann man in Sekundenschnelle Geld, allerdings niedrige Beträge, an identifizierbare Personen überweisen. Die Gebühren sind insgesamt leistungsabhängig.
  • „Avuba“ wirbt mit einer sehr hohen Geschwindigkeit beim mobilen Geldtransfer. Die Verifizierung der Geldempfänger erfolgt unkompliziert per SMS, worauf dieser Empfänger sich die App einfach herunterlädt oder seine Kontodaten angibt. Zudem bietet „Avuba“ eine eigene digitale Mastercard an, die über das Smartphone aufgezeigt wird und für schnelles und sicheres Zahlen im Internet genutzt werden kann. Nachteil der App: In Europa sind nur SEPA-Konten akzeptiert.

Gespannt sein darf man auf die neue Generation der Bezahl-Apps, die mehr als nur Mobile Payment – auf der Basis konventionellen Bankings – anbieten:

  • Facebook mit weltweit über 1,9 Mrd. Nutzern, davon 349 Millionen in Europa, steht mit einer eigenen digitalen Währung in den Startlöchern. Mit nur wenig Kreativität lässt es sich ausmalen, wie „Team Zuckerberg“ das globale Bezahlwesen mit Facebook Libra revolutionieren könnte.
  • Die Schweizer weeConomy AG erobert gerade mit ihrem Mobile Payment- und Cashback-System wee die europäischen Märkte. Mit dem Anschluss von mehreren hunderttausend Einzelhändlern und Millionen an Konsumenten baut man sich einen Marktplatz online und offline auf. Parallel realisiert eine Tochter gerade einen ICO und will wee zur digitalen Währung – auch für die Nutzung außerhalb der eigenen technologischen Infrastruktur – als vollumfängliches Bezahlsystem ausbauen. Gründer und Unternehmer Cengiz Ehliz strebt perspektivisch weltweit eine weeCard oder eine weeApp an!

Laut dem Magazin WirtschaftsWoche, das sich auf Daten der Deutschen Bank beruft, erfolgen Geldtransfers von in Deutschland lebenden Migranten in folgende Empfängerländer (p.a. in Millionen Euro): Türkei (822), Polen (468), Rumänien (395), Italien (363), Kroatien (213), Serbien (207), Syrien (189), Bulgarien (166), Afghanistan (63)…

Setzt man hier für konventionelle Transfergebühren 12 Prozent gegenüber realistischen 4 Prozent bei innovativem Mobile Payment mit digitaler Währung und Transfer von Wallet zu Wallet an, dürfte jedermann klar sein, welcher Art von Zahlungsverkehr die globale Zukunft gehört.