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Paketdienste und Einzelhandel unter Druck

Die letzte Meile einer Bestellung – das Päckchen zur Haustüre des Kunden bringen und ordnungsgemäß abgeben, das fällt der Logistikbranche immer schwerer. Vor einem Jahr diskutierten die Paketzusteller noch über höhere Kosten. Hermes-Geschäftsführer Frank Rausch: „Die Zustellung an die Haustür muss angesichts des hohen Aufwandes teurer werden.“ Die Idee, die dahintersteckt, soll die Kunden motivieren auf innerstädtische Paketshops und Paketdepots umzusteigen.

DHL, nach Meinung der Kunden in Deutschland der verlässlichste Zustelldienst, so die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Service-Qualität Ende 2017, will keine Preise erhöhen, möchte aber für andere Logistiker die letzte Meile selbst übernehmen. Für den globalen Marktgiganten Amazon wären Preiserhöhungen inakzeptabel. Unabhängig von dieser Einschätzung, baut das Unternehmen strategisch clever seine Logistikstrukturen aus. Das erklärte Ziel: Unter dem Motto „Shipping with Amazon“ sukzessive Amazon-Pakete selbst vor die Haustüre bringen! Wenn dieses Szenario perspektivisch beinhalten könnte, dass Amazon in Ballungszentren ohne Zustellgebühr ausliefert, wäre das für die Paketdienste fatal. Denkt man wie Amazon, so könnten diese Kosten, von denen der Kunde freigestellt würde, auf die Onlineshops – weitergedacht die Hersteller – zukommen. Und am Ende dieser Kette müssten dann die Verbraucher mit teureren Produkten herhalten. Mit seiner kontinuierlich wachsenden Marktmacht beim E-Commerce und in der Logistik wäre dieses Planspiel für Amazon durchsetzbar.

In den USA befördert der Riese bereits ca. 50% seiner Pakete selbst, Informationen, die wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden. Das Newsportal Axios ließ „undercover“ eine Studie durchführen, bei der mehrere Millionen Datensätze von Amazon-Paketnummern gescannt und ausgewertet wurden. Das Ergebnis muss für die Logistikbranche erschreckend sein: Denn nach dem unumstrittenen Primus – nun auch in der Logistik, versammeln sich dahinter die US Post (33%), UPS (16,5%) und Fedex (1,5%). Und warum sollte diese Marktgenerierung in den USA nicht auch für die Pläne in Deutschland gelten? Was das bedeuten könnte? Nicht nur die Amazon-Pakete würden den etablierten Platzhirschen fehlen. Vielmehr noch könnte Amazon in den Attacke-Modus übergehen und Lieferungen anderer E-Commerce-Anbieter übernehmen. 

Laut Axios hält Amazon in den USA gut 40% des E-Commerce-Business. Insofern entsprechen 50% am eigenen Paketversand ca. 20% des gesamten E-Commerce-Paket-Marktes. Der Gesamtanteil von E-Commerce am Paketmarkt beträgt ca. 35%, was einem Wert von schätzungsweise 40 Mrd. US-Dollar entspricht. Daraus errechnen sich gut 8 Mrd. US-Dollar zusätzlicher Umsatz für Amazon. 

In Deutschland ist der Marktanteil am E-Commerce mit ca. 50% höher. Insofern macht es Sinn, die in den USA entwickelte Logistik-Strategie auf Europa und Deutschland auszurollen. Und hier besonders könnte dann der Start als Dienstleister für andere E-Commerce-Companys erfolgen: Händler lassen Bestellungen aus dem eigenen Online-Shop von Amazon umsetzen!

Verlierer dieser Entwicklung werden nicht nur die konkurrierenden Paketdienste sein. Mehr noch ist das der stationäre Einzelhandel, der genau die Lebensqualität erhält, die sich die Bürger wünschen und die beim täglichen Einkaufen in den Stadtteilen und Citys gewährleistet wird. Insofern gilt es den darbenden Einzelhandel mit nachhaltigen Business-Optionen zu stärken, zu fördern… Damit der Konsument am Ende dieser Entwicklung nicht in total verödeten Innenstädten oder in entwurzelten Randbezirken steht – ohne zu wissen, wo er den nächsten Bäcker, Metzger, Optiker oder Juwelier findet.