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Während die Friseure der Öffnung ihrer Salons entgegenfiebern, ist die Schutzmaske beim Lebensmittel-Shopping bereits gelebtes Erscheinungsbild.

Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie stehen vor Paradigmenwechsel

Schrittweise scheint etwas Lockerung in unser Alltagsleben zu kommen: In Deutschland haben sich Bund und Länder gerade darauf geeinigt, dass Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmetern Fläche wieder öffnen dürfen. Freuen dürfen sich auch Automobil- und Fahrradhändler sowie Buchläden, die unabhängig von der Ladenfläche wieder öffnen können. Ebenfalls durchatmen lässt es sich bei Gärtnereien, Bau- und Gartenmärkten, denn sie dürfen ihre Türen auch aufschließen – allerdings nur im Freistaat Bayern. Amok laufen dagegen die Betreiber von Betrieben der Hotellerie und Gastronomie: Hier stehen 70.000 Betriebe in Deutschland kurz vor der Pleite.

Dehoga-Branchenverbandschefin Ingrid Hartges äußerte kürzlich gegenüber der Bild am Sonntag: „Ohne eine zusätzliche staatliche Förderung steht jeder dritte Betrieb bei uns vor der Insolvenz. Durch die Pandemie“, so die Hauptgeschäftsführerin, „gehen den ca. 223.000 Betrieben der Branche bis Ende April gut zehn Milliarden Euro verloren.“ Um den Supergau abzuwenden, fordert der Verband eine verantwortungsvolle Öffnung von Restaurants und Cafés, die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent und einen staatlichen Rettungsfonds, auf den die Betriebe direkt zugreifen können.

„Lass uns dir im Guten dienen,

Deutschland, einig Vaterland.“

Die Politik hat den Ernst der Lage erkannt. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU, weiß um die Notwendigkeit, dass hier zusätzliche Hilfen benötigt werden, damit es nicht zu einem Massensterben kommt. Bundesweit mussten hier die Betriebe als erstes schließen. Und es ist davon auszugehen, dass sie als letztes öffnen dürfen. Bereits jetzt ist klar, dass das Münchner Oktoberfest 2020 Geschichte ist – den Brauereien, den Hotels, dem Einzelhandel, den Taxiunternehmen sowie Dienstleistern, nicht zuletzt auch der Kommune selbst durch Steuerausfälle, gehen rund eine Milliarde Euro flöten. Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, Deutschlands oberste Krisenmanagerin, hatte im Gleichklang mit den Ministerpräsidenten ein flächendeckendes Verbot für Großveranstaltungen bis zum 31. August ausgerufen. Das betrifft im Wesentlichen größere Konzerte, Schützenfeste, Messen oder Kirmes-Veranstaltungen. Mit dem Verbot wolle man maßgeblich die Ausbreitung des Coronavirus verhindern.

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Auf Festival-Spaß wie in Wacken müssen die Fans in diesem Jahr verzichten.

Dass es keine Rockkonzerte oder Festivals wie Rock am Ring oder Wacken im Sommer geben würde, war ohnehin klar. Die formalen Absagen der Veranstalter verzögerten sich aus Versicherungsgründen, denn nur „höhere Gewalt“ oder „ein politisch verordnetes Verbot“ veranlassen eine Versicherung, für den Ausfall zu zahlen.

Vorreiter in Sachen Event-Digitalisierung ist die in Köln beheimatete Spielemesse Gamescom, weltweit größtes Event für Computer- und Videospiele. Das alljährliche Highlight der Gamer- und eSports-Szene findet Ende August statt – allerdings virtuell. Digitale Vernetzung heißt das neue Zauberwort, denn online verlinkt will man gemeinsam die Fachkongresse abhalten und die neuesten Spieleentwicklungen vorstellen.

„Alte Not gilt es zu zwingen,

und wir zwingen sie vereint.“

Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert eine rasche Unterstützung für seine Mitglieder von der Bundesregierung. Denn insbesondere der stationäre Einzelhandel, so Verbands-Präsident Josef Sanktjohanser, würde mit der Schließung seiner Flächen einen erheblichen Teil dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Aber diese Last könne nicht ohne unbürokratische Hilfen gestemmt werden. Große Kauf- und Warenhausunternehmen, Fachmarktketten und tausende von Mittelständlern seien in ihrer Existenz massiv gefährdet. Sage und schreibe 1,15 Milliarden Euro Verlust pro Tag gilt es durch die Schließungen im Handel wegzustecken, sieben Milliarden Euro betragen die Umsatzausfälle pro Woche. Laut Sanktjohanser sind am schlimmsten kleine Textil-Einzelhändler, Schuh- und Sportgeschäfte, Parfümerien, Möbel-Einzelhändler und Elektronikgeschäfte sowie Kauf- und Warenhäuser von der Corona-Krise betroffen. Aber auch der Online-Handel klagt über enorme Einbußen: Der Umsatzrückgang beträgt in diesem Handelssegment schätzungsweise bis zu 30 Prozent, motiviert durch die Konsumzurückhaltung, die aus der Pandemie resultiert.

„Denn es muss uns doch gelingen,

dass die Sonne schön wie nie

über Deutschland scheint.“

Ein Gewinner der Ausgangsbeschränkungen ist der Spirituosen-Einzelhandel. Von Ende Februar bis Ende März gingen gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im Vergleichszeitraum 2019, so kommunizierten kürzlich die Nürnberger Marktforscher von GfK. Bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn konnte der Abverkauf um 31,2 Prozent gesteigert werden. Klar ist aber: Die Menschen konsumieren in der Summe nicht mehr Alkohol, sie trinken nur woanders, wenn Gaststätten, Kneipen und Clubs geschlossen sind. Darunter leiden wiederum die meist kleinen, ländlichen Brauereien. Die Wernecker Bierbrauerei im Landkreis Schweinfurt muss nach 400 Jahren schließen, da sich das Familienunternehmen nicht verschulden wollte. Den Totalausfall von Gastronomie und Festbetrieb hat die Brauerei nicht verkraftet. Der unterfränkische Brauerbund rechnet schon jetzt für seine Mitglieder mit 50 Prozent Umsatzrückgang. Insofern ist die staatliche Soforthilfe von 15.000 Euro nicht mehr oder weniger als der viel zitierte Tropfen auf dem heißen Stein.

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Bargeldloses Bezahlen wird zum Gewinner der Corona-Krise.

Klar ist schon heute: COVID-19 wird in erheblichem Maße den zukünftigen Geldverkehr beeinflussen. Das spiegelt eine Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Das Verhältnis von Barzahlung gegenüber Kartenzahlung stand 2019 im Verhältnis von 47 zu 53 Prozent. Der Pandemie-Schock bei den Verbrauchern könnte zu einer nachhaltigen Beschleunigung des Kartenwachstums führen. Die Analysten schätzen das Verhältnis von Bezahlen mit Bargeld zu bargeldlosem Bezahlen am Point of Sale in den Jahren 2021 mit 37 zu 63 Prozent ein, 2023 mit 29 zu 71 Prozent und 2025 mit 20 zu 80 Prozent.

„Blüh´ im Glanze dieses Glückes,

blühe deutsches Vaterland.“

Gute Lösungen, mit denen der stationäre Einzelhandel gestärkt werden soll und womit die Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger in den Städten und auf dem Land gesichert bleiben würde, haben bereits einige Unternehmen aktiviert. Beim Mobile Payment mit Cashback-Garantie leuchtet das Beispiel der Schweizer weeConomy AG auf, die gerade europaweit ihr innovatives Produkt einführt. Kern der Unternehmung: Die gleichzeitige Digitalisierung von stationärem Einzelhandel und regional bedeutenden Sportarenen. Dabei erfolgen eine Integration und Vernetzung innerhalb der technologischen Infrastruktur. Die Vision des Gründers Cengiz Ehliz: Weltweit soll man nur noch mit einer Karte oder App bezahlen! Dabei fungiert die weeApp auch als Suchmaschine für den lokalen Einzelhandel – im direkten Wettbewerb zu den Online-Suchmaschinen. Der Konsument sammelt sogenannte wee beim stationären Shopping, beim Konsum im Stadion oder beim Online-Shopping. Diese erzielten Rabatte können aber nur im Einzelhandel vor Ort angerechnet werden. Das Unternehmen startet jetzt gerade, nach der Lockerung des Lockdowns, eine Kampagne in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die den lokalen Einzelhandel mit Online- und Social Media-Werbemaßnahmen in den Communitys von wee kostenlos unterstützt.

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Die weeApp steht sowohl für Mobile Payment inklusive Cashback-Garantie, als auch für die Suchmaschine des lokalen Einzelhandels.

Darüber hinaus werden potenzielle Verbraucher unter dem Motto „Rette den Einzelhandel“ aufgefordert, sich in der App zu registrieren, um dann beim heimischen Händler mit Einkaufsvorteilen shoppen zu können. Diese Aktion des externen Vertriebspartners MPM Group International motiviert jeden neuen Nutzer der App mit einem Euro als Startguthaben für den Einkauf im bei wee angeschlossenen Handel. Bis zu eine Million Euro sollen so als kurzfristige Umsatzhilfe in die beteiligten lokalen Shops fließen.

Mit einem Krypto-Börsengang und der Nutzung einer eMoney-Lizenz sichert sich die weeGroup perspektivisch die Option, ein eigenes, Blockchain-basiertes Bezahlsystem, einzuführen.

Corona-Soforthilfe verspricht auch das Portal nebenan.de. Hier haben sich gut 30.000 Gewerbetreibende und rund 1,5 Millionen Menschen organisiert, die unter dem Aspekt der Nachbarschaftshilfe für ihre Produkte und Leistungen werben, um diese zu tauschen bzw. zu kaufen oder zu verkaufen. Mit einer Spendenaktion soll eine Million Euro für die Hilfe an Kleingewerbe-Betriebe und Selbstständige eingesammelt werden.

Solidarität, um den Einzelhandel zu unterstützen ist aller Orten Trumpf: Die Metro – Partner von Gastronomie und Gewerbetreibenden – unterstützt ihre Kunden im Rahmen einer Kooperation mit dem Gutschein-Anbieter Groupon. Als Metro-Kunde kann man mit dieser Aktion den eigenen Abhol-und Lieferservice kostenlos bewerben lassen, indem man für seine Produkte Rabatte gewährt.

Bundesweit sind inzwischen unzählige Corona-Initiativen aus dem Boden geschossen, mit dem Ziel, dem Einzelhandel sofort zu helfen. So präsentieren sich beispielsweise Bochums Einzelhändler – auch Wettbewerber – auf dem Portal „Bochumer Originale“, „#EinHerzFürFürth“ versteht sich als Solidaritäts-Initiative für die einheimischen Händler, „Mittendrin“ in Kassel motiviert dazu, vom Lieblingsladen Gutscheine zu kaufen bis dieser wieder geöffnet hat, „Kiel hilft Kiel“ fordert den Verbraucher zum regionalen Einkauf auf und beim Portal „Lokalhelden-BW“ präsentieren sich, heruntergebrochen bis in die kleinste Kommune, alle Einzelhändler, die Liefer- und Bringservices anbieten.

(Die Zwischentitel dieses Beitrags zitieren aus den Hymnen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland je die erste Strophe bzw. Auszüge dieser. Beide wurden in einer Zeit großer Not, aber voller Zuversicht der Menschen, getextet.)