Foto: Fans of 1860 München in the football stadium@ Zico – depositphotos.com

30 Millionen-Investition in das Herzstück der Münchner Löwen inklusive Digitalisierung?

Die Münchner Löwen sind ein Traditionsverein, wie es nur wenige in Deutschland gibt. Aus Löwensicht liegt die vergleichbare Augenhöhe bei Schalke 04, Borussia Dortmund, dem Hamburger SV… Und die Bayern? Kein Vergleich! Ausgemachte Emporkömmlinge! Die letzten Glanzzeiten des Ur-Münchner Clubs liegen zwar schon 60 Jahre zurück, aber dennoch schlägt das Münchner Herz blau-weiß. Die 60-er sind als ausgewiesener Arbeiterclub in München gleichermaßen heiß geliebt und abgrundtief gehasst wie der große FC Bayern mit seinen gefühlt 100 Titeln in den vergangenen 30 Jahren.

Gibt es Fans, die leidensfähiger sind als die Blau-Weißen? Es gibt so gut wie keinen Skandal, so gut wie keinen Fettnapf, den die Giesinger in den letzten Jahren ausgelassen haben. Das negative Highlight war sicher der unwürdige Abstieg in die Regionalliga, trotz vorheriger Millionen-Investitionen – man munkelt es waren 70 – von Investor Ismaik. Da wurde fremdes Geld ohne Ende verprasst, mit Verantwortlichen, die weder ein Herz für den Verein, noch ansatzweise Ahnung von Sport oder Betriebswirtschaft hatten. Und das auf Kosten eines jordanischen Heilsbringers, der immer noch meint die im deutschen Profi-Fußball eingemeißelte 50 plus 1 Regelung – kein Investor kann mehrheitlich entscheiden, egal wie viele Anteile er an einer Fußball-Gesellschaft hält – umgehen zu können. 

Einmal Löwe, immer Löwe: beliebter 60-Coach Bierofka | Foto: Screenshot Youtube/München TV

Der schlafende Riese mitten in der Stadt

Aus der Sicht von Fußball-Deutschland sind die Löwen ein mittelmäßig begabter Drittligist, der nach dem Aufstieg aus der Bedeutungslosigkeit im vergangenen Jahr jetzt aufpassen muss um in der aktuellen Saison nicht abzusteigen. Auf der internationalen Karte ist der Glanz der Meisterschaften und internationalen Wettbewerbe aus dem letzten Jahrhundert durchweg verblasst. In der Münchner Innensicht sind die Löwen aber immer noch ein mächtiger Gigant: mit locker 30.000 Vollblut-Fans und noch mal 100.000 Sympathisanten im Rücken, mit Ur-Münchner Sponsoren aus dem Mittelstand und Kleingewerbe aus der Fan-Community, mit politischer Rückendeckung der SPD, die in München immer noch punkten kann. 15.000 Fans passen derzeit ins altehrwürdige Grünwalder Stadion, das der Stadt gehört. Der Verein zählt mit gut 24.000 Mitgliedern zu den 25 mitgliederstärksten Sportvereinen in Deutschland. Und 195.000 Freunde umfasst die offizielle Facebook-Community des TSV 1860 München, der beispielsweise auch eine hochprofessionelle Boxsport-Abteilung unterhält, Behindertensport anbietet, Breitensport lebt. Die soziale Funktion des Clubs in München ist ein wichtiger Baustein im gesellschaftlichen Gefüge der Millionen-Metropole.

30 Millionen Euro fraktionsübergreifende Wahlkampf-Hilfe?

Insofern wundert sich zwar Fußball-Deutschland, dass der Stadtrat gerade bemüht ist 30 Millionen Euro für eine Komplettsanierung frei zu machen um das Stadion bundesligatauglich zu machen, obwohl die Anfahrt- und Parkplatzsituation bei jedem Heimspiel auch weiterhin zu einem Verkehrschaos in Giesing führt, mit dem Investment die Kapazität des Stadions nur um 3.000 Plätze auf 18.000 erweitert werden kann. Jede andere Kommune würde sagen: Sucht Euch aus, ob ihr in der Allianz-Arena oder im Olympiastadion spielen wollt, im Zweifelsfall bezuschussen wir angemessen einen Neubau. Aber in ein marodes Stadion ohne notwendige Infrastruktur zu investieren kommt nicht in Frage… Und überhaupt: Aus Lärmschutzgründen und aufgrund ständiger Beschwerden der Anwohner ist ein solches Stadion einfach nicht mehr zeitgemäß.

Nicht so in München: „Das Sechzigerstadion“, so CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl, „ist ein Wahrzeichen Giesings und der Stadt.“ Diese Meinung herrscht im Stadtrat parteiübergreifend vor – nur die eher unbedeutende FDP sträubt sich noch. Mitte Februar nächsten Jahres stehen in der Landeshauptstadt Kommunalwahlen an. Dabei rechnen sich Grüne und CSU gute Chancen aus die SPD-Mehrheit zu kippen. SPD-Oberbürgermeister Reiter, Bayern-Fan, muss um die Wiederwahl kämpfen und kann sich in seiner Stamm-Klientel keine Schlappe leisten. 

Das neugeplante Wohnzimmer der 60-er auf Giesings Höhen | Foto: Stadt München, Referat Bildung und Sport

Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde zunächst das renommierte Frankfurter Büro Albert Speer und Partner mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Die Architekten hatten erst kürzlich das Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern fertiggestellt, waren vorher für die Umgestaltung des Olympiastadions verantwortlich und mit der Standortstudie für die Allianz-Arena befasst. Aus dem Stadion kann ein kleines Schmuckkästchen werden, das zumindest zweitligatauglich ist, wenn es nach den Planern geht. Dabei sollen alle Plätze überdacht, eine neue Haupttribüne und in der Ostkurve ein neuer Oberrang gebaut, eine komplett neue technologische Infrastruktur implementiert werden. 

Unternehmer des Jahres ist Sechziger

Zum Saisonauftakt gegen die Preußen aus Münster gaben sich hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien ein Stelldichein im weiterhin improvisierten VIP-Zelt an der Grünwalder Straße. Auch der Unternehmer des Jahres von München, Cengiz Ehliz, Founder von wee, dem erfolgreich expandierenden Loyalty-Programm, wurde gesichtet: Dass in seinem Herzen zwei Löwen schlagen, erfährt man bei der Beschäftigung mit seiner persönlichen Website – er ist Ultra-Fan der Tölzer Löwen, die in der weeArena ihre DEL2-Spiele austragen und hier mit wee auch Hauptsponsor. Und er ist bekennender Sechziger! Glaubt man blau-weißen Gerüchten, möchte wee das städtische Stadion digitalisieren, mit dem Cashback- und Mobile Payment-System für den Einzelhandel verbinden und mit dem E-Commerce synchronisieren. In München startete im vergangenen Jahr die europäische Marktoffensive – über 4.000 Einzelhändler haben sich in der Landeshauptstadt bereits in die wee-Infrastruktur einbinden lassen. Erfolgreicher Startpunkt im heimischen Einzelhandel war dabei Giesing. Was liegt also näher als zwei wee-Ehliz-Arenen mit je einer VIP-Loge beim Herzensclub? 

Für die Stadt München mit einem jährlichen Haushalt von aktuell 7,4 Mrd. Euro sind die 30 Millionen für das Grünwalder Stadion ein Klacks, wenn damit der soziale Friede auf Giesings Höhen gewährleistet werden kann und die Blau-Weiße Seele erst mal zufrieden sind. Nach der heute positiven Abstimmung im Stadtrat gehen die Vorschläge der Architekten erst mal in die Fachreferate zur Prüfung. Wenn alles wie gedacht läuft, dann dürfte der nächste wichtige Schritt in sechs Monaten mit einer öffentlichen Ausschreibung für die Umsetzung der Modernisierung anstehen. Ob die Digitalisierung des Stadions im Budget eingepreist wurde ist nicht klar – die für die Stadt günstigste und für den Verein die sicher profitabelste Variante wäre hierbei die Partnerschaft mit wee einzugehen.