Wie den drohenden Verlust an Lebensqualität durch Geschäftsaufgaben und Qualitätsmängel stoppen?

Der stationäre Einzelhandel mit seinem Herzstück, den zig tausend Metzgereien, Bäckereien und Friseurgeschäften, kommt aus unterschiedlichen Richtungen immer mehr unter Druck: Eine Ausbildung zum Bäcker mit Arbeitsbeginn um 4.30 Uhr oder ein Gehalt von 450 Euro im ersten Ausbildungsjahr bei Friseuren schrecken den potenziellen qualifizierten Nachwuchs gehörig ab. Fachkräfte einzustellen ist für den Bäcker im Kiez auch nicht mehr machbar – die Konkurrenz der Handelsketten wirtschaftet weitestgehend mit ungelernten Aushilfskräften! Und ab 2020 kommt auf diese ur-deutschen Handwerksbetriebe noch einmal zusätzlich ungeahnter Aufwand mit einem teuren Investitionszwang hinzu: Die deutschlandweite Einführung der Bon-Pflicht beinhaltet, dass der Kunde schon beim Kauf eines Brötchens einen Kassenbon ausgehändigt bekommt.

Unabhängig vom Kauf neuer Kassensysteme und vom zusätzlichen Aufwand bei der Bonierung und in der Buchhaltung entsteht, so die Meinung von Experten, in Zeiten von ausgeprägter Umweltsensibilität ein noch nie dagewesener Wust an gefährlichem Papiermüll. Diese drohenden Papierberge müssen zukünftig als Sondermüll entsorgt werden, da das Papier chemisch beschichtet ist.

Bonierungspflicht ist ökologischer Wahnsinn

Ralph Brüggemann, Steuerexperte vom Handelsverband Deutschland (HDE) prognostiziert: „Im Einzelhandel in Deutschland rechnen wir pro Jahr mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons. Besonders betroffen sein werden Unternehmen, die viele günstige Artikel verkaufen.“ Neben dem E-Commerce als wachsender Umsatz- und Ertragsbremse für den stationären Einzelhandel scheinen sich jetzt auch noch die Finanzämter als ausgemachte Gegner der Handwerksbetriebe zu positionieren. Schießen die Finanzverwaltungen mit ihrer drastischen Maßnahme über das Ziel hinaus? Auch der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Daniel Schneider, sieht die Bon-Ausgabepflicht äußerst kritisch: „Wir halten diese für absolut überzogen, insbesondere in Zeiten, in denen wir versuchen, Papier- oder Verpackungsmüll insgesamt zu vermeiden“. Neben dem Umweltschutzgedanken führt Schneider auch die Kosten als Kritikpunkt auf: „Ein Bäcker mit drei Filialen hat Mehrkosten von 4.000 Euro im Jahr, nur für Papier!“

Der Gesetzgeber will Steuerbetrug ausräumen

Die Kassenbon-Pflicht ist Teil der Kassensicherungsverordnung, die Steuerbetrug an der Ladenkasse verhindern soll. Durch eine technische Sicherheitseinrichtung (TSE) werden die Kassen fälschungssicher, so der Plan. Da die benötigte Technik noch nicht umfänglich im Markt verfügbar ist, wollen die Behörden den Geschäften eine Umrüstphase bis voraussichtlich September einräumen. Der Kauf und die Installation einer neuen Kasse oder die Umrüstung bestehender Systeme kostet den Händler bis zu 500 Euro. Alle computergestützten Kassensysteme müssen beginnend mit dem neuen Jahr aber definitiv über eine „TSE“ verfügen: Das beinhaltet ein Sicherheitsmodul für die Protokollierung der Kasseneingaben, ein Speichermedium und eine digitale Schnittstelle zum Export von Daten zu Prüfzwecken. Grund für die Gesetzesänderung ist der Schutz vor Steuerhinterziehung durch Datenmanipulation. Der Gesetzgeber erhofft sich auch mehr Transparenz bei der Erfassung von Transaktionen. Die neue Abgabenordnung sieht vor, dass Unternehmen ihren Kunden für jeden Einkauf verpflichtend einen Beleg zur Verfügung stellen müssen. Bisher gab es nur die Pflicht eine Quittung auf Nachfrage des Kunden ausstellen zu müssen. Das Bundesfinanzministerium kommentiert bewusst, dass die Gesetzesänderung „technologieneutral“ formuliert wurde. Insofern sind neben Belegen in Papierform auch elektronische vorstellbar.

Aussterben der Handwerksbetriebe resultiert in schlechterer Lebensqualität der Menschen

Allein im Bäckerhandwerk sind von dieser neuen Regelung jetzt 11.000 Betriebe mit 61.000 Verkaufsstellen betroffen. Seit zehn Jahren schrumpft die Anzahl der klassischen Handwerksbetriebe dramatisch, bei Bäckern und Metzgern um gut 30%. Waren 2008 bundesweit noch rund 15.300 Bäckereien in der Handwerksrolle eingetragen, betrug die Zahl Ende 2018 nur noch ca. 11.000. Die Zahl der Fleischereibetriebe verringerte sich im selben Zeitraum von 18.300 auf 12.900.

Handwerksvertreter machen eine zunehmende Bürokratie, die Konkurrenz von Discountern sowie den Fachkräftemangel und das sinkende Interesse von Schulabgängern an einer Lehre für den Rückgang der Betriebe verantwortlich. Darunter leidet immer mehr die Lebensqualität der Bevölkerung, denn handwerklich gefertigte Brötchen, Brote und Fleisch- sowie Wurstwaren wünscht sich eine Mehrzahl der Verbraucher. Und für gute Qualität, das zeigt auch die Vermarktung von Bioprodukten aus der Landwirtschaft, ist der Kunde auch bereit einen höheren Preis zu bezahlen. Ganz zu Schweigen vom Verlust an gewohnter Lebensqualität, wenn der Bäcker, Metzger oder Friseur in der Nachbarschaft „dicht macht“.

Kann innovatives Mobile Payment den Einzelhändler bei der Bonierungspflicht entlasten?

Daraus erwachsen Unternehmen wie der Schweizer weeConomy AG, die derzeit ihr Mobile Payment- und Cashback-System unter dem Produktnamen wee europaweit flächendeckend einführt, zusätzliche Chancen. Denn die Voraussetzung für den Einsatz des Systems beim Bäcker, Metzger oder Friseur ist die Digitalisierung, um ihn über eine App sichtbar zu machen, so dass er wie bei einer Suchmaschine, ähnlich Google, für den Kunden erkennbar wird. Einzelhändler und Kunden verrechnen dann diese Einkäufe, von denen der Kunde mit Rabatten profitiert, über ein testiertes Back-Office-Programm. Perspektivisch ist es vorstellbar, dass dieses System unaufwändig den Anforderungen der Finanzbehörden an die Bonierungspflicht der Einzelhändler angepasst werden kann. Das könnte spätestens dann der Fall sein, wenn wee eine offizielle Digitalwährung wird, woran das Unternehmen derzeit intensiv arbeitet. Denn bei bargeldlosen Transaktionen wäre zum Beispiel eine Belegausgabe über das Smartphone oder die E-Mail-Adresse denkbar. Allerdings setzt die Ausgabe elektronischer Belege ein System voraus, das sowohl von den Betrieben als auch von den Verbrauchern aktiv genutzt wird und alle gesetzlich notwendigen Belegangaben enthält. Es ist davon auszugehen, dass sich derzeit auch Wirecard, AliPay und Google Pay intensiv Gedanken machen, dieses Feld gleichermaßen für die Ausweitung der Märkte im Bereich B-to-B und B-to-C zu entern.