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Deutschlands Wirtschaftsminister Peter Altmaier sucht nach Ideen im Kampf gegen die Corona-Auswirkungen im Einzelhandel.

Bundesregierung, Kommunen und Einzelhandel setzen auf Digitalisierung

Der Lockdown ist schon wieder Geschichte, vielleicht aber auch nicht. Denn so mancher Viren-Experte rechnet vermeintlich steigende Infektionszahlen hoch und prophezeit den nächsten Lockdown für den anstehenden Herbst. Für viele Einzelhändler – insbesondere die gebeutelten Gastronomiebetriebe – wäre das der sichere Todesstoß. S.O.S, Insolvenz unvermeidbar! Trotz der bundesweiten Lockerungen haben die Konsumenten einfach keine Lust mehr am stationären Shopping in den Innenstädten. Die Maskenpflicht demotiviert beim Einkaufen. Durch diese Lustlosigkeit, gepaart mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder durch eingeschränkte finanzielle Mittel, geschuldet der Kurzarbeit, gehen dem Einzelhandel aktuell ca. 15 Prozent Umsatz flöten. Im aktuellen Sommerschlussverkauf, neben Weihnachten das Umsatz-Highlight für die Geschäfte, herrscht Flaute. Die Umsatzdelle liegt nur für Deutschland im Milliardenbereich.

Neben der Gastronomie trifft es die vom E-Commerce gebeutelte Modebranche beinhart. Bereits im März hat der Ratinger Modekonzern Esprit eine Schutzschirm-Insolvenz beantragt, S. Oliver aus Würzburg hat kurz danach Massenentlassungen ausgesprochen. Und die deutsche Tochter der Modekette Gina Tricot vermeldete im Juni Insolvenz. Auf Deutschland rollt eine riesige Pleitewelle zu, da ist sich der Handelsverband Deutschland (HDE) sicher. Dessen Hauptgeschäftsführer Stefan Genth verwies kürzlich auf die nur bis Ende September gültige Regelung, die Pflicht auf einen Insolvenzantrag hinausschieben zu können. Das bringt die Bundesregierung auf den Plan: Wirtschaftsminister Peter Altmaier scheint jetzt die Problemlösung gefunden zu haben. Die Digitalisierung des lokalen Einzelhandels soll helfen die Umsatzscharte auszuwetzen. Mehr noch: Digitale Services für den Einzelhandel sieht er als zukunftsgerichtete Problemlösung. So soll laut Bundeswirtschaftsminister ein Kunde, der ein Hemd kaufen möchte, nicht nur beim Hersteller oder im Online-Shop bestellen können. Über die Gestaltung von digitalen Services beschwört er die Integration des Einzelhändlers in die Onlinewelt. Mit dem Fazit, dass der Kunde, der das Hemd kaufen möchte, zum stationären Händler vor Ort navigiert wird. „Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte“ nennt das Bundeswirtschaftsministerium diese Offensive.

Intelligentes Mobile Payment für den Einzelhandel

Vielleicht sollte er zum Thema einfach mal die Suchmaschine anschmeißen, analysieren, auswerten und auf Erfolgreiches setzen, bevor wieder einmal viel Zeit verloren geht. Denn die Problemlösung seiner Aufgabe ist offensichtlich. So arbeitet der Mobile Payment- und Cashback-Anbieter wee, visionäres Projekt des oberbayerischen Unternehmers Cengiz Ehliz, bereits seit Jahren erfolgreich an diesem Thema. Rückschläge hat die Schweizer weeConomy AG gestärkt verkraftet, um jetzt europaweit durchstarten zu können. Das System wurde gerade mit mobilen Banking Services ausgebaut, so dass Einzelhändler und deren Kunden mit der virtuellen Währung wee bezahlen können. Wobei ein wee ein Euro ist. Was Peter Altmaier fordert, haben die Schweizer Payment-Spezialisten bereits auf ihre kurzfristige Agenda gepackt. Im System angeschlossene Geschäfte, die kostenlos digitalisiert werden, können schon bald mit bestehenden und potenziellen Kunden aus ihrer Region direkt kommunizieren. Individuelle Sonderaktionen der Händler, die den Kunden via Messages punktgenau erreichen, sollen dann das darbende Business beleben. Der Clou für die Nutzer der hauseigenen weeApp besteht darin, dass Zahlungsverkehre kostenlos sind. Jeder Nutzer kann schon jetzt in Echtzeit kostenlos Geld empfangen oder versenden. Das unterscheidet wee diametral von beispielsweise Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken, wo eine Transaktion teils bis zu einem Euro kostet, egal wie hoch der Wert dieser Transaktion ist.

Digitalisierung und Initiativen sollen die lokalen Geschäfte powern

Das Interesse des Einzelhandels an einer Digitalisierung wächst. Frank Rehme, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Einzelhandel, freut sich über diesen Trend. Vor Corona nutzen rund 50 Teilnehmer seine Webinare – aktuell hat er gut 600 Anmeldungen pro virtueller Veranstaltung.

Unzählige private und institutionelle Initiativen wurden ins Leben gerufen, um dem Einzelhandel zu helfen. In Bayern punktete beispielsweise „Look online – buy local“ der Interessengemeinschaft Innenstadt e.V. Zusteller des Kooperationspartners Lesezirkel bringen in Landshut per Lastenfahrrad Einkäufe aus dem Einzelhandel vor Ort zu den Bestellern. „Mia gehn online“, ein kurzfristig aus dem Boden gestampftes Projekt, präsentierte Händlern und Kleinunternehmen in München Ad-Hoc-Lösungen zur digitalen Sichtbarmachung von deren Produkten und Leistungen. Immer noch sind Kreativität und Solidarität gefragt, um den Einzelhandel zu unterstützen. Ganz egal ob Gutscheinshops, Plattformen oder Preisnachlässe – die Branche kämpft…

Neue digitale Projekte aus dem Boden zu stampfen, wie das jetzt Peter Altmaier vorschwebt, wird die schwarzen Gewitterwolken, die sich über dem Einzelhandel zusammenbrauen und die Lebensqualität der Bürger gefährden, sicher nicht auflösen. HDE-Geschäftsführer Stefan Genth rechnet mit mittelfristig 10.000 Insolvenzen im Nicht-Lebensmittelhandel und mit einem Umsatzrückgang von 40 Milliarden Euro in diesem Segment, nur in Deutschland. Man muss kein Mathematiker sein, um für Europa auf dreistellige Milliardenausfälle für den Einzelhandel zu kommen.