Vom Außenseiter zum gefeierten Weltmeister durch KO im Halbschwergewicht. (Fotos: l. Facebook Robin Krasniqi, r. mdr.de)

Nach über 10 Jahren: WM-Traum des Deutschen wird wahr

Es geschehen immer noch Zeichen und Wunder in dieser von Corona geprägten Zeit. Der Sport ist für moderne Märchen seit jeher eine Paradeplattform. Seit dem Samstag, 10. Oktober 2020, ist der Deutsch-Albaner Robin Krasniqi der Märchenprinz in der internationalen Boxszene. Mit der Wucht eines Vulkans hatte er in der dritten Runde beim WM-Kampf im Halbschwergewicht dem deutschen Titelverteidiger Dominic Bösel, völlig unerwartet einen rechten Hammer verpasst, der diesen flugs auf die Bretter in der Magdeburger GETEC Arena gelegt hat.

Seine wohl letzte Chance auf einen Weltmeister-Thron hat der sympathische Augsburger, der seine Wurzeln im Kosovo hat, dem Zufall, der Corona-Pandemie, dem Promotor Ulf Steinforth und seinem Lebensmotto „Never give up“ zu verdanken. Für den 34-jährigen Krasniqi war es vor 2.000 Zuschauern in Magdeburg, begleitet von ca. 2,5 Millionen Boxfans vor dem TV in der ARD, der 51. Sieg im 57. Profi-Kampf.

Nachdem er seine WM-Chancen 2013 und 2015 leichtfertig vergeben hatte, blieb ihm im dritten Anlauf nicht viel Zeit für die Vorbereitung. Ursprünglich sollte der frischgebackene Weltmeister Bösel bei seiner ersten Titelverteidigung am 28. März gegen den Australier Zac Dunn in Magdeburg antreten. Fünf Monate vorher hatte er sich den begehrten Titel der Weltverbände IBO und WBA in einem beherzten Kampf gegen den Schweden Sven Fornling geholt. Die Restriktionen durch Corona ließen aber keine Titelverteidigung zu, denn der Herausforderer durfte nicht ausreisen, ein neuer, offizieller Titelkampf musste aber schleunigst her.

Gesagt, getan: Der gewiefte Chef des aktuell erfolgreichsten deutschen Boxstalls SES aus Magdeburg, Ulf Steinforth, hatte eine unkomplizierte Lösung parat. Aus dem Hut und dem eigenen Stall zauberte er den inzwischen tief gefallenen Robin Krasniqi als Gegner von Bösel. Der neue, laut Experten technisch eher minderbemittelte Herausforderer, hatte nur wenige Wochen Zeit, sich auf seine wohl letzte große Chance im Profi-Boxsport vorzubereiten. Kritiker meinten, er würde dem Champ Bösel als eine Art Fallobst zugewiesen. Wer aber den ehrgeizigen Krasniqi kennt, der weiß, wie stark er brennt!

Supermittelgewicht Europameister in der weeArena: Robin Krasniqi mit dem Partner wee auf den Shorts am 2. Juni 2018. (Foto: Halil Tosun)

Zunächst musste er vom Supermittelgewicht auf die Halbschwer-Klasse umrüsten. In der leichteren Gewichtsklasse hatte er im Sommer 2018 seinen letzten großen Erfolg eingefahren. Im Zuge der Umfirmierung der weeArena in Bad Tölz – Namensgeber ist seit geraumer Zeit ein international ausgerichtetes Mobile Payment- und Cashback-System – richteten die weeConomy AG und der SES-Boxstall zwei Europameisterschaftskämpfe aus. Vor gut 3.000 Boxfans im betulichen Voralpenland schlug Krasniqi im Supermittelgewicht eindrucksvoll den Russen Stanislav Kashtanov und holte sich die Europameisterschaftskrone des EBU-Verbands. Heute wie damals coachten ihn die Trainer Magomed Schaburow und Sepp Maurer, letzterer ist bekannt für seine gnadenlose Härte beim Aufbau der Physis seiner Schützlinge. Und Krasniqi wusste selbst, dass bei seiner vermeintlich letzten Chance auf einen WM-Gürtel nur eine ausgeprägte Physis zum Sieg führt – insbesondere gegen den Stallgefährten und Edeltechniker Bösel.

Aber warum ist das Wunder von Magdeburg so beindruckend? Mit 14 Jahren flüchtete der junge Krasniqi mit den Geschwistern und seinen Eltern in einer Odyssee aus dem damaligen Kriegsgebiet Kosovo, die Familie fand nach Monaten auf der Flucht eine Bleibe in München. Krasniqi verdiente sich damals sein Auskommen als Putzhilfe in einer Gym, wo er sogar einige Monate in der Umkleidekabine lebte und schlief. Das Herz des Boxers fing an zu schlagen: Sein damaliger „Promoter“ machte ihm Druck und ließ ihn in zwielichtigem Ambiente für wenig Geld boxen. Krasniqi ist heute der einzige Weltmeister, der keinen einzigen Amateurkampf bestritten hat. Aus dieser Historie heraus resultiert auch seine mangelhafte Technik, die er durch Leidenschaft und Kampfeswillen ausgleicht. Sein Lebensmotto: „Never give up!“ Inzwischen hat sich der sympathische Champ vom Ersparten ein eigenes Box-Gym in Gersthofen bei Augsburg aufgebaut und betreibt in der Fuggerstadt eine Eisdiele.

Insider behaupten, dass „SES-Fuchs“ Steinforth als Bedingung für Krasniqis WM-Chance u.a. gleich einen Rückkampf in den Vertrag hat schreiben und vom Außenseiter unterschreiben lassen. Es sei SES, dem frischen Titelverteidiger Krasniqi und dem neuen Herausforderer Bösel gegönnt, mit dem Rückkampf richtig Kasse machen zu können. Denn der seit Gentleman Maske, den Rocchigiani-Brüdern, Axel Schulz und den Klitschkos seit vielen Jahren eher dümpelnde deutsche Profi-Boxsport braucht jetzt attraktive Fights und Mainstream-Publikum.