Bayern Vorreiter bei der technologisch-wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China

Noch nie in der Geschichte war die politische Großwetterlage zwischen Deutschland und China so rosig. Daraus resultiert bereits seit mehreren Jahren eitel Sonnenschein bei der wirtschaftlichen Kooperation. Deutschland ist mehr denn je der wichtigste Handelspartner Chinas in Europa. Aus China kommen weltweit die meisten Waren nach Deutschland – aktuell im Wert von ca. 95 Mrd. Euro. Umgekehrt bevorzugen die Deutschen China als wichtigsten Partner in Asien. Mehr noch: Die deutsche Wirtschaft exportierte 2016 Waren im Wert von gut 80 Mrd. Euro ins Reich der Mitte. Damit ist China, noch vor Frankreich und den USA, Deutschlands wichtigster Handelspartner.

Katalysator hierfür sind auch die protektionistische Politik der USA mit der aktuellen Botschaft „America First“ von Präsident Donald Trump, die problematischen Beziehungen Deutschlands mit der Russischen Föderation nach der Krim-Annexion und die möglichen Probleme beim Handel der Chinesen mit England nach einem wahrscheinlichen Brexit. Die bilaterale Zusammenarbeit unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatchef Xi Jinping profitiert wie keine andere Länderkooperation von diesen dunklen Wolken in der Welt- und Wirtschaftspolitik. China versucht die Gunst der Stunde selbstbewusst zu nutzen, auch wenn man konfrontiert: Der chinesische Regierungschef besuchte vor einigen Tagen Nordkorea und ließ Kim Jong Un wissen, dass man auch die Beziehungen zum Nachbarland in vielen Feldern ausbauen möchte.

Roland Weigert Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie

Verifizierte Zahlen bei Investitionen variieren, es gibt unterschiedlichste Quellen: Laut Auswärtigem Amt hat die deutsche Wirtschaft im Jahr 2015 69,5 Mrd. Euro in China investiert, demgegenüber schlagen Investitionen von weitestgehend Staatsunternehmen in Deutschland im selben Jahr mit 2,2 Mrd. Euro zu Buche. Bemerkenswert dabei ist, dass sich die chinesischen Investitionen seit 2004 versechsfacht haben. Grundlage für das Interesse an Deutschland und deutschen Unternehmen ist der 13. Fünfjahresplan der chinesischen Regierung, der bis 2020 Gültigkeit besitzt. Dieser Plan beinhaltet ehrgeizige Ziele: So soll sich gegenüber 2010 das Einkommen der Chinesen verdoppeln, auf der Basis eines jährlichen Wirtschaftswachstums von mindestens 6,5 %. Forschung und Innovationen sollen dabei die chinesische Wirtschaft befeuern!

Intensive Kontakte zwischen Bayern und China haben eine lange Tradition. Bereits die Wittelsbacher trieben indirekt, über die Seidenstraße, Handel mit dem Reich der Mitte, im 17. und 18. Jahrhundert waren es Jesuitenmissionare, die in China Astronomie und Glasproduktion lehrten… In der jüngeren Geschichte vollzog CSU-Ikone Franz Josef Strauß als Ministerpräsident des Freistaats einen legendären Paradigmenwechsel. Als erster westdeutscher Politiker wurde er 1975 vom Parteivorsitzenden Mao Zedong in Peking empfangen.

Ein strategischer Baustein der beidseitig erfolgreichen Zusammenarbeit auf der Basis der erwachenden chinesischen Reform- und Öffnungspolitik, die in den neunziger Jahren einsetzte, ist das 1997 gegründete Generalkonsulat in München. Bereits im Vorfeld wurde die Partnerschaft mit der Provinz Shandong (1987) fixiert, 17 Jahre später folgte Guangdong. 

Wang Weizhong Secretary of Shenzhen Municipal Committee of the Communist Party of China 

Heute leben 20.000 Auslandschinesen in Bayern, darunter 10.000 mit einem chinesischen Pass. Mehr als 450 Unternehmen, darunter Weltkonzerne mit Produkten „Made in Bavaria“ wie BMW, Audi, Siemens und Allianz, sind in China mit milliardenschweren Engagements präsent. In Bayern wiederum investierten chinesische Konzerne wie Air China, Huawei, Beijing No. 1 Machine oder CSUN. 

Die Faktenlage zu Shenzhen – mit weltweit 87 Partnerstädten – besticht: Das Import- und Exportvolumen betrug 2018 447,4 Mrd. USD, das gesamte Exportvolumen beziffert sich auf 242,8 USD. Bisher wurden in dieser Stadt 14.834 Unternehmen mit ausländischen Investitionen gegründet. Insgesamt wurden hier für Forschung und Entwicklung bereits 14,9 Mrd. USD investiert. Das gesamtwirtschaftliche Volumen zählt zu den Top 5-Städten in Asien. Die Anzahl der internationalen Patentanmeldungen ist chinaweit spitze. Und welche Ziele verfolgt diese Boomtown? Sie möchte sich zu einer Innovationsmetropole mit Welteinfluss ausbauen, sich dabei als global bedeutende Wirtschaftsmetropole positionieren. Ein Herzstück in dieser Entwicklungsstrategie ist der Containerhafen mit den weltweit höchsten Umschlagkapazitäten. Aber auch im Finanzsektor, bei Innovationen in der Versicherungsbranche, in der Herstellungsindustrie für die Telekommunikation und als integrierter Verkehrsknotenpunkt mit internationalem Einfluss möchte Shenzhen national und global punkten.

Auch wenn Nürnberg die Partnerstadt der 14-Mio-Einwohner-Metropole ist, fand in der vergangenen Woche eine vielbeachtete Konferenz in München statt, die über den Stand der technologischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Bayern und der weltweiten Hauptstadt von Smartcity und Fintec informierte. Die chinesische Delegation war unter Führung von Wang Weizhong angereist, Parteisekretär der kommunistischen Partei und oberster Stadtpolitiker dieser Mega-Kommune, die noch vor dreißig Jahren ein Fischerdorf war und auf dem Reißbrett entstand. Shenzhen ist heute gleichermaßen eine bärenstarke Wirtschaftsmetropole, Forschungszentrum und Forschungslabor für technologische Innovationen, u.a. bei der Logistik und im Transportwesen, bei der Digitalisierung, im Bereich Waste-Management und, man sollte es kaum glauben, im Bereich Industriedesign. Roland Weigert, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, begrüßte die chinesischen Gäste standesgemäß im Trachtenjanker und mit einer Rede, in der er auf die inzwischen große Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen der Provinz Guangdong und Bayern einging. Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen, in der ansässige Unternehmen oder Arbeitstätige bis zu 15% Steuern sparen können, übernimmt dabei eine Triebfederfunktion. 

Shenzhen möchte und muss seinen Einwohnern perspektivisch mehr Lebensqualität bieten. Dafür soll einerseits der Einzelhandel vor Ort gestärkt werden, andererseits möchten die Stadtpolitiker dem Wunsch der Menschen – das Durchschnittsalter beträgt 33 Jahre – mehr gerecht werden. Die Zusammenarbeit mit der Schweizer wee-Unternehmensgruppe, deren operativer Arm in München-Schwabing beheimatet ist, scheint hierbei einer der auserkorenen Partner zu sein. 

Beim Interview zur anstehenden Kooperation (v.l.n.r.): Cengiz Ehliz (Founder von „wee“), Wang Weizhong (Secretary of Shenzhen Municipal Committee of the Communist Party of China), Oliver Kaiser (Chairman of the Advisory Board weeSports & Entertainment), Tilmann Meuser (Head of Corporate Communications der wee-Gruppe) 

In München hatte sich der amtierende regionale Unternehmer des Jahres, Cengiz Ehliz, das Cashback- und Mobile Payment-System wee ausgedacht. Aktuell wird dieses einzigartige Loyalty-Programm, das den Einzelhandel von Einkäufen der Konsumenten im Internet profitieren lässt, europaweit eingeführt. Dabei liegt der Schwerpunkt – Testregion ist hier Bad Tölz – auf einer digitalisierten Sportarena. Als sogenannte wee mit der weeApp oder weeCard gesammelte Rabatte, die ein Konsument bei angeschlossenen Einzelhändlern oder beim Online-Shopping erzielt, ermöglichen beispielsweise den Eintritt in das lokale Sportstadion, in der die Kufenflitzer des Eishockey-Zweitligisten ihre Heimspiele austragen. Lädt der Fan in der weeArena für den bargeldlosen Konsum seine weeApp oder -Card mit Geld auf, muss er nicht wie in anderen Stadien an Automaten anstehen, um das Guthaben wieder in Bargeld umzuwandeln oder auf seine EC-Card zu transferieren. Die Tölzer Fans – und natürlich auch die Gäste – haben Glück: Mit dem Restguthaben können diese nicht nur im örtlichen Einzelhandel einkaufen, vielmehr schon in München, Landshut, Deggendorf oder Starnberg. In den nächsten fünf Jahren, so erklärt wee, werden in Europa 25 Stadien digitalisiert und im gleichen Kontext der stationäre Einzelhandel in den entsprechenden Regionen in das System integriert, was Millionen an Konsumenten freuen dürfte, die von den Rabatten beim täglichen Einkauf erheblich profitieren.

Anscheinend steht eine chinesische Investorengruppe „Gewehr bei Fuß“, um das Tölzer Projekt in mehrdimensionaler Ausführung in einer der größten Metropolen der Welt zu finanzieren. Dabei sollen auch öffentliche Mittel aus China für die Umsetzung einfließen.