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Lukrativer Technologiemarkt der Zukunft: Tanken an E-Ladestationen mit Services.

Joint Venture von slowakischer eJoin und Schweizer weeConomy entwickelt kreatives Geschäftsmodell

„Innogy“ prangt heute als schlecht erkennbare, quadratische Leuchtreklame im Herzen der Essener Skyline auf einem kleinen Tower, neben den prägenden Türmen von RWE und Evonik. Früher waren in dem Bürohaus das Management und die Verwaltung des Strom-Giganten RWE angesiedelt. Heute residiert hier Innogy. Viele Essener wissen selbst nicht, was sich hinter diesem Kunstwort verbirgt, das nicht nur mit einem, sondern mit unterschiedlichen Illustrationen als Logos für sich wirbt. Dieser Energieversorger hat sich wie kein anderer frühzeitig in der Elektromobilität engagiert. 16.100 öffentliche Ladepunkte gibt es in Deutschland – gut ein Viertel werden vom RWE-Tochterkonzern gemanagt.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag im Handelsblatt gab sich Martin Herrmann, Vertriebsvorstand von Innogy, selbstbewusst: „In Europa wollen wir die Nummer eins beim Geschäft mit Ladetechnik sein – und auch in den USA expandieren wir schon.“ An sich ist das Geschäft mit dem Bau von Ladepunkten nicht lukrativ, betont Innogy. Es ist der Mix an Einnahmen aus Vertrieb von Strom, staatlichen Subventionen und dem Umsatz aus dem Betrieb, der teils von den Kommunen übernommen wird.

Tesla-Produktion im globalen Herzen der Automobilindustrie

Bis jetzt waren die Platzhirsche aus dem Herzen des Ruhrgebiets in ihrer Marktnische unangefochten. Aber seit einem Jahr formiert sich der Markt neu. Die Europäer, insbesondere die Deutschen, fangen an, Lust am E-Auto zu bekommen. Die Fahrzeuge werden inzwischen günstig angeboten, die Reichweiten werden durch immer bessere Batterien kontinuierlich ausgebaut und einen Tesla zu fahren steht für politische Correctness – gepaart mit Lifestyle. In dieses Momentum sticht derzeit Elon Musk, der für Tesla eine Betriebsstätte mitten in Brandenburg baut und 10.000 Mitarbeiter sucht. Gerade hat er den Daimler-Chef des Berliner Werks, das Dieselmotoren baut und dessen Belegschaft in Kurzarbeit kauert, abgeworben. Der Boom nach E-Autos spiegelt sich in einem Aufmischen des Marktes für Ladeinfrastruktur wider. Jetzt drängen die lokalen Stadtwerke, andere Energieversorger und die großen Automobilmarken in den lange als wenig rentabel verkannten Markt. Neben dem Vertrieb von Strom sind es vor allem die mit dem Aufbau und Betrieb dieser Ladestationen finanziell lukrativen Dienstleistungen, die nun frischen Schwung in den Markt bringen.

Druck kam zu Jahresbeginn in den Markt, als der Volkswagen-Konzern seine Planung bis 2025 bekannt gab. So sollen nun die Kapazitäten für die Produktion von Elektro-Autos auf drei Millionen Stück pro Jahr ausgebaut werden. Damit die umgebende Infrastruktur der Fahrzeuge von VW gesichert wird, hat der Automobilkonzern die Tochtergesellschaft Elli gegründet. Diese ist angewiesen für Wandladestationen zu sorgen, mit denen der Autobesitzer in seiner eigenen Garage aufladen kann. Aber auch öffentliche Ladestationen sollen schnellstens gebaut werden. Alle ihre Ladestationen wollen die Wolfsburger für ihre Kunden mit Ökostrom anbieten. Die Zahl der Ladepunkte in Deutschland ist zwischen 2011 und 2018 explodiert – von 2.500 auf 16.100. Diese Zahl ist aber nicht ansatzweise auf die Nachfrage nach E-Autos ausgerichtet.

Der Run auf e-Autos produziert immense Nachfrage bei Ladestationen

Das weiß auch der Öl-Gigant Shell, der auf Dauer Probleme mit seinem konventionellen Tankstellen-Produkt befürchtet. Deshalb hat man sich vor einem Jahr rechtzeitig einen Löwenanteil im Markt für Ladelösungen gesichert, indem man mit der Firma New Motion einen Marktführer gekauft hat. Inzwischen haben es die US-Amerikaner von Charge Point auch auf Europa abgesehen: Bis 2025 sollen weltweit 2,5 Millionen neue Ladestationen positioniert werden. Für ihre Europa-Offensive haben die Innovatoren aus dem Silicon Valley Ende 2018 rund 280 Millionen Euro Kapital eingesammelt, darunter als Investoren Daimler, BMW und Siemens.

Mit dem Bekenntnis der deutschen Autobauer zu E-Autos steigt auch das Tempo beim Bau von notwendigen Ladestationen. Allein in den letzten Monaten 2018 wurden 20 Prozent mehr Stationen eingerichtet, befeuert von Fördermitteln der Bundesregierung für öffentliche und teilöffentliche Ladepunkte. Derzeit gibt es in Deutschland 150.000 E-Autos. Jeweils zehn müssen sich – statistisch gerechnet – einen Ladepunkt teilen. Rechnet man die Produktionsoffensive der deutschen Autobauer hoch, kommt man bei einer Million Elektro-Autos auf 70.000 Normal-Ladepunkte und 7.000 Schnell-Ladepunkte.

Vernetzung von Einzelhandel, e-Autos, Ladestationen und Mobile Payment mit Cashback

Über die App Stores von Apple (für iOS) sowie Google Play (für Android) lässt sich die weeApp kostenlos downloaden, mit der man schon bald Ladestationen finden, tanken und Cashback sammeln kann. (Foto: weeConomy AG)

Der Markt für Ladestationen bietet aber auch andere, kreative Geschäftsmodelle. So hat sich beispielsweise der slowakische Ladestationen-Hersteller von eJoin mit dem Schweizer Mobile Payment- und Cashback-Anbieter wee synchronisiert, wie aus Vertriebskreisen der MPM International zu hören ist. wee hat gerade seine weeApp, die Suchmaschine für den stationären Einzelhandel, zum Produkt weePay weiterentwickelt, indem man eine internationale e-Zahlungslizenz in die technologische Infrastruktur integriert hat. Das soll, so ist zu hören, Geldtransfers zu komfortablen Konditionen für Sender und Empfänger in 121 Ländern weltweit gewährleisten. Damit möchte man den Platzhirschen bei den digitalen Zahlungsdienstleistern mindestens Paroli bieten. Als Kunden stehen Geschäfte des lokalen Einzelhandels im Fokus. „Denn wee hilft dem Einzelhandel im Kampf gegen Umsatzverluste durch den E-Commerce“, so der wee-Gründer Cengiz Ehliz, Oberbayer mit türkischen Wurzeln.

Aktuell wird weePay in die Kassenterminals der Einzelhändler am „Point of Sale“ integriert, so dass die Kunden mit der weeApp – gleichermaßen wie mit einer Kreditkarte oder wie mit den Konkurrenz-Apps von Apple Pay oder Google Pay – bezahlen können. Geschäfte, die sich wee anschließen, geben an ihre Kunden Rabatte in Form von Cashback ab. Dieser Verkaufsvorteil wird auf der weeApp registriert, als Eurobetrag in „wee“ (ein wee = ein Euro) gesammelt und kann wieder beim Shopping im angeschlossenen Einzelhandel angerechnet werden. Nach den Plänen von eJoin und wee möchte dieses Joint Venture Ladestationen bei den Einzelhändlern, der Gastronomie und Hotellerie sowie auf Parkplätzen von Arenen, die mit der wee-Technologie ausgestattet sind, aufstellen und betreiben lassen. Bezahlen kann man voraussichtlich nur mit der weeApp, die sich der Autofahrer vor dem Aufladen auf sein Smartphone lädt. Dass man beim Tanken – beispielsweise vor einer Gaststätte – auch noch Cashback sammeln kann und damit nach dem Ladevorgang quasi kostenlos ein frisches Bier konsumieren kann, ist sicher eine der Motivationen für die Nutzer.

Der Kampf um das lukrativste Geschäftsmodell hat begonnen

Sowohl Innogy als auch Charge Point verfolgen perspektivisch verschiedene Geschäftsmodelle. Die Essener möchten ihre Ladesäulen verkaufen und dann nur noch mit Strom der Muttergesellschaft RWE füttern. Die Kalifornier möchten auch verkaufen – aber gleichzeitig Verträge für die Wartung abschließen. Glaubt man Innogy, so haben bereits 1.000 Unternehmen deren Ladetechnologie für Ladestationen auf den Firmenparkplätzen gekauft – darunter die Supermarkt-Kette Aldi, Daimler und Amazon, für dessen Fahrzeugflotte.