World map on a technological background, glowing lines symbols of the Internet, radio, television, mobile and satellite communications.@ stori – depositphotos.com

Deutschland muss bei Digitalisierung aufholen

Deutschland hinkt bei Investitionen in die digitale Infrastruktur nicht nur weltweit, vielmehr schon kontinental hinterher. Aktuell sind es die Italiener, die mit vielfältigen Anreizen wie niedrigen Steuern digitales Business anschieben möchten. Um Investoren und kreative Köpfe für New Business anzuziehen, sind die Rahmenbedingungen in Deutschland schlecht: Zu hohe Steuern lassen uns im „War of Talents“ ziemlich schlecht aussehen!

Voller Selbstbewusstsein stellte der eco-Verband der deutschen Internetwirtschaft Ende Juni den Digitalen Länderkompass vor. Die Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen dürfen sich freuen, denn sie wurden zu Vorreitern in der Digitalpolitik auserkoren. Darunter versteht man nachhaltige und zukunftsorientierte Strategien einer digitalen Standortpolitik, die die Chancen der Digitalisierung für Kommunen und Städte optimal nutzt. Aus der Sicht des Verbandes liegen die Länder vorn, die ihre Digitalisierungsstrategien unter dem Dach eines eigenen Ministeriums bündeln. In Hessen ist Digitalisierung so hoch priorisiert, dass das Ressort direkt an den Ministerpräsidenten – über die Staatskanzlei – angedockt ist. „Digitales Hessen“ fokussiert Fragen der Künstlichen Intelligenz, Digitalisierungsfragen hessischer Unternehmen und die gesellschaftliche Akzeptanz. Die drei führenden Bundesländer punkten vermeintlich bei der Förderung von Startups und bei der Digitalisierungsoptimierung bestehender kleiner und mittelständischer Unternehmen. In sogenannten Gründerzentren bieten die Länder umfassende Beratung, fördern Kommunikation und vernetzen.

Kann Digitalisierungspolitik Standortnachteile kompensieren?

Christoph Dammermann, zuständiger Staatssekretär für Digitalisierung im Wirtschafts-, Innovations- und Energieministerium von NRW formuliert die Landespolitik: „Mit unserer Strategie wollen wir die Chancen der Digitalisierung eröffnen und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Ob Gigabitanschlüsse für Schulen und Gewerbegebiete bis 2022, mehr Wagnis-Kapital für Startups oder digitale Mobilstationen im Verkehr: Wir haben uns über alle Bereiche 44 konkrete Ziele gesetzt, Vieles bereits erfolgreich gestartet.“

Deutschland braucht bessere Anreize im globalen Wettbewerb des Digitalisierungs-Business

Eine am Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Studie der Berater von PwC, die gemeinsam mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und der Universität Mannheim erarbeitet wurde, verbreitet im Ergebnis alles andere als Optimismus. Die bisher verbriefte Mittelmäßigkeit beim Vergleich der Digitalisierungsanstrengungen innerhalb Europas scheint weiter Boden zu verlieren. Mit der unzureichenden Förderung von innovativen Geschäftsmodellen, beispielsweise auch schlechten steuerlichen Rahmenbedingungen, droht nicht nur die Attraktivität für Gründer aus dem Ausland noch geringer zu werden. Vielmehr scheint es, als ob zwischenzeitlich auch etablierte Startups Deutschland den Rücken kehren. 

Im Ranking der Studie, die länderspezifisch fiskalische Kriterien analysiert, auf deren Basis eine Motivation oder Demotivation für die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle nachgewiesen wurde, liegt Deutschland als volkswirtschaftlicher Motor Europas auf dem 33-ten und letzten Platz. 

Italien, gefolgt von Irland und Ungarn bieten steuerlich betrachtet die besten Rahmenbedingungen beim digitalen Business. Insbesondere Plattform-Modelle wie Amazon, Facebook, Google, PayPal oder LinkedIn und Alibaba, in Deutschland immerhin Zalando, repräsentieren dieses digitale Business, bei dem die Besteuerung als Kriterium für die Standortwahl oberste Prämisse haben.

Steuerlast von Arbeitnehmern und Unternehmen wenig motivierend für Unternehmer 

Betrachtet man die Steuerbelastung im internationalen Vergleich bei einem Nettogehalt von 100.000 Euro p.a. für Arbeitnehmer ergibt sich folgendes Ranking:

  1. Tschechien: 26,1 %
  2. Japan: 27,6 %
  3. Slowakei: 31%
  4. Schweiz: 32,1 %
  5. Polen: 32,2 %
  6. Ungarn: 37,8 %
  7. USA: 39,3 %
  8. Luxemburg: 40,5 %
  9. Deutschland 40,9 %

17. Irland: 47,5 %

18. Frankreich: 48,4 %

19. Italien: 51,6 %

22. Belgien: 61 %

Nimmt man die mit 31 % tariflichen Steuersätze für Unternehmen in Deutschland, so ist die Bundesrepublik global in Sachen „Abschreckung“ von Unternehmern ganz weit vorn. Apropos: Innovationskraft, insbesondere bei der Digitalisierung, entsteht weitestgehend im Bereich Forschung und Entwicklung (F & E) der Unternehmen. Eine steuerliche Förderung bei Investitionen in F & E gibt es hierzulande immer noch nicht.

Intelligente Subventionierung im Ausland

Länder wie die Niederlande, Belgien, Irland und die Schweiz besteuern Einkünfte aus immateriellen Wirtschaftsgütern, beispielsweise selbsterstellte Software, deutlich bevorzugt bzw. subventionieren hier sogar. Mit der aktuell betriebenen Steuerreform unter Präsident Donald Trump geben die USA richtig Vollgas im Sinne der Digitalwirtschaft, die weltweit führend ist. Die Gründe hierfür sind die Risikobereitschaft von üppig vorhandenen Investoren und ein fast grenzenloser Markt an Talenten, beseelt vom American Spirit. Mit den angedachten Steuersenkungen möchte die Regierung erfolgreiche ausländische Unternehmen ermuntern, ihr Digi-Business aus den Vereinigten Staaten zu steuern bzw. Niederlassungen anzulegen.

E-Commerce der Marktführer, Innovationen der Blue Chips und kreative Startups prägen die Digitalisierung

Trotz der schlechten Rahmenbedingungen am Wirtschaftsstandort Deutschland für digitales Business, verfügt das Land über eine ganze Reihe Outperformer, wenn auch Amazon mit einem Umsatz von gut 9 Mrd. Euro das Ranking bei E-Commerce anführt. Dahinter folgen – verbrieft mit Zahlen aus 2017 – otto.de (ca. 3 Mrd. Euro), zalando.de (ca. 1.28 Mrd. Euro), notebooksbilliger.de (ca. 750 Mio. Euro), mediamarkt.de (ca. 735 Mio. Euro) und lidl.de (ca. 590 Mio. Euro).

München bei Digitalisierung in Bayern mit Vorreiterrolle 

Einige der im Top-100-Ranking der deutschen Onlineshops aufgeführten Unternehmen finden sich auch unter wee.com, einem Portal der Schweizer wee-Gruppe. Der Bayernkurier, das offizielle Parteiorgan der staatstragenden CSU, verglich kürzlich das Geschäftsmodell, bei dem eine Suchmaschine für den Einzelhandel im Zentrum steht, als „die Antwort Bayerns auf Amazon“. Über die operative Europazentrale in München versucht der charismatische Founder und Unternehmer Cengiz Ehliz, den europäischen Einzelhandel für sein Loyalty-Programm zu gewinnen, das er mit E-Commerce vernetzt. Jüngst haben die Münchner mit Schweizer Muttergesellschaft auf der Basis ihrer technologischen Infrastruktur begonnen, Stadien zu digitalisieren und die Fans der Clubs – im Rahmen des weltweit ersten offenen Stadion-Bezahlsystems – in die Cashback- und Mobile Payment-Struktur einzupassen. Und das alles passiert ohne staatliche Unterstützung, ohne länderspezifische Förderung, nach ursprünglichem Entrepreneurship und einer Startup-Philosophie. 

Transformation in Tradition und kreative Innovation

München ist in Bayern eine innovative Digitalisierungsinsel: Direkt neben „wee“ in der Parkstadt Schwabing hat die Microsoft-Zentrale von Deutschland ihr Headquarter. Und nur einige Kilometer entfernt performt Wirecard in München-Aschheim herausragend, hat sich vom „hässlichen Entlein“ in den vergangenen zehn Jahren bis zum jetzt etablierten Dax-Unternehmen entwickelt, dabei die altehrwürdige Commerzbank als Gründungsmitglied dieser Börse verdrängt. 

Einer der Pioniere bei der Ausprägung des Innovationsstandorts München im digitalen Geschäft war Erich Lejeune vom Chiphändler CE Consumer Electronics, der um die Jahrtausendwende zur Legende avancierte. 

Aber was wäre der mit 496 Unternehmen führende Innovationsstandort Deutschlands ohne die unzähligen Zulieferbetriebe in der Luft- und Raumfahrtindustrie, der Medizintechnik und der Automobilindustrie mit BMW und MAN an der Spitze gleichbedeutend mit Siemens, dem technologischen Urgestein in der Landeshauptstadt. Nicht zu vergessen internationale Firmen mit Deutschlandsitz in München wie Amazon, Fujitsu, Oracle oder Tesla und Intel, geschweige denn Ur-Münchner Unternehmen wie Rohde & Schwarz und Osram.